Wie brutalistische Sakralbauten mittelalterliche Skulpturen in Bewegung bringen

30.11.2020 84959 0
Beton und Gotik

Unnahbare, klotzige und scheußliche Ungetüme, die Stadt und Land verschandeln, so die gängige Sicht. „Brutalismus“ erregt die Gemüter so sehr wie keine andere architektonische Stilrichtung. Während sich die Bevölkerung in ihrer Ablehnung profaner „Betonmonster“ weitgehend einig ist, sieht die Sache bei Kirchenbauten etwas anders aus.

Der architekturgeschichtliche Begriff ist ja auch irritierend. Brutalismus hat schließlich nichts mit brutal zu tun, sondern leitet sich vom französischen „béton brut“ (Sichtbeton) ab. Trotzdem wird das Stigma, das dem Namen innewohnt, von Kritikern gern aufgegriffen. Zurück zu den Anfängen: In den 1960er und 1970er Jahren wurde die Bunkerarchitektur mit ihren sichtbaren Betonskeletten, unverputzten Fassaden und offenliegenden Versorgungsleitungen als Symbol für eine klassenlose Gesellschaft gefeiert. Und es sollte Wirkung zeigen, dass Architekten der Moderne Beton als ehrliches, zutiefst demokratisches Baumaterial anpriesen. Kommunen gaben Betonbauten fortan am Fließband in Auftrag und bald prägten Betonriesen als Rathäuser, Schulen und Kirchen die Stadtbilder; auch ganze Wohnviertel und Leuchtturmprojekte wie das Olympische Dorf in München wurden in brutalistischer Manier erbaut. Heute sind die anfälligen Bauwerke in die Jahre gekommen. Viele müssten aufwendig saniert werden, doch kaum jemand kämpft für sie, sodass etliche Betongebilde abgerissen wurden.

Beton in Gotik. Kirche

An brutalistische Sakralbauten ließ man die Abrissbirne jedoch nicht heran. Nicht nur, weil viele dieser Gotteshäuser unter Denkmalschutz stehen, wohl auch, weil sie von den Menschen wirklich ins Herz geschlossen wurden und – umgeben von Kitas, Supermärkten und bezahlbarem Wohnraum – Mittelpunkte gesellschaftlichen Lebens sind. Mal klein und unscheinbar, mal mächtig wie gotische Kathedralen sind sie als Teil des Ganzen verortet. Wie ihre profane Verwandtschaft präsentieren sich brutalistische Sakralbauten in bestmöglich vereinfachter Formensprache. Die Konstruktion ist ebenfalls klar erkennbar und funktional. Nur wenige Materialien sind ihrem Wesen gemäß im Spiel. Die Architektur erfüllt hier ausschließlich den Zweck, das Gotteshaus im Glanz edler Einfachheit zu zeigen. Von den Außenansichten brutalistischer Kirchenbauten mögen Betrachter zunächst irritiert sein, die Atmosphäre im Innern wird sie zutiefst beeindruckt zurücklassen: Leere. Weite. Fast völliger Verzicht auf Raumschmuck. Tageslicht, das nur durch winzige Öffnungen auf rohen Beton fällt. Die Raumwirkung ist phänomenal. Und nichts, das in diesen begehbaren, wie Höhlen wirkenden Skulpturen ablenkt von geistlicher Kontemplation.

Als führender Protagonist des Brutalismus gilt Gottfried Böhm. Der Kölner, der am 23. Januar 2020 seinen 100. Geburtstag feierte, zählt zu den wichtigsten Architekten der Nachkriegsära. 1986 wurde er als erster Deutscher mit dem Pritzker-Preis, dem „Nobelpreis“ für Architektur, geehrt. Gottfried Böhm schuf Architektur-Ikonen des 20. Jahrhunderts, darunter den 1968 eingeweihten Wallfahrtsdom in Velbert-Neviges als sein wichtigstes Werk. Dieser wuchtige Betonfelsen wirkt wie eine monumentale, expressionistische Skulptur. 6.000 Menschen fasst das Gotteshaus, das mit seinem ansteigenden, geschwungenen Pilgerweg den Weg einer Wallfahrt versinnbildlicht und in seiner Strenge wie ein Gegenentwurf zu Gaudís Sagrada Familia in Barcelona wirkt. Gottfried Böhm ist übrigens immer noch aktiv und entwirft mit seinen Söhnen Stephan, Peter und Paul unter einem Dach spektakuläre Großbauten wie die Zentralmoschee in Köln und das Museum Ägyptischer Kunst in München.

Skulpturen in Gotik

Auf schmückendes Beiwerk wird in Betonkirchen verzichtet, sodass sich das Auge schon am Anblick eines bunten Rosenkranzes erfreut. Spannend wird’s, wenn in der Betonwüste gotische Skulpturen ins Spiel kommen. Das zeigt die Fotoreportage, für die Michael Leis aufregende Begegnungen spätgotischer Skulpturen der NEUMEISTER-Weihnachtsauktion mit sakralen Betonbauten inszenierte. Die Fotografie lenkt den Blick dabei auf ein erstaunliches Wechselspiel: Einerseits laden die jahrhundertealten Skulpturen kühle Betonräume inhaltlich auf. Andererseits erscheinen die spätmittelalterlichen Madonnen, deren kunstfertige Ausarbeitung in einer gotischen Kathedrale aufgrund der „Konkurrenz“ überbordenden Raumschmucks schlichtweg übersehen werden könnte, plötzlich voller Emotionen und entfalten eine ungeahnte Freude an der Bewegung.

Um das Zusammenspiel von Gotik und Beton zu erleben, muss man natürlich nicht in die Kirche gehen. Die eigene Wohnung tut’s auch. Immer mehr Kunstfreunde finden Gefallen am kontrastreichen Kombinieren der Stile, sodass sich eine spätgotische Madonna dann im Wohnzimmer auf einer Bauhauskommode vor einer Sichtbetonwand wiederfindet – um den Betrachter dort mit ihrem verhaltenen Lächeln in den Bann zu ziehen.

Autor: Auktionshaus Neumeister. Fotos Michael Leis

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